Der Rote und der Weisse Turm am Julierpass

«In der Kultur braucht es eine neue Auseinandersetzung mit der Natur.» Giovanni Netzer

Beständigkeit durch ständigen Wandel

Pässe waren seit jeher ein Ort der Begegnung, des Handels und Kennenlernens neuer Kulturen. Der Julierpass verbindet das Oberengadin mit dem Val Surses. Die rege genutzte Strasse zieht seit 2017 ein ganz neues Publikum an. In diesem Jahr errichtete Origen nämlich das Juliertheater – ein kulturelles Bauprojekt mit Ablaufdatum.

Jetzt, da vom einst Roten Turm nur noch ein kahles Fundament übriggeblieben ist, wächst jedoch ein neues Projekt im nur wenige Kilometer entfernten Mulegns aus dem Boden: der Weisse Turm. Mit ihm entsteht am traditionellen Julierpass ein noch ambitionierteres und innovativeres Projekt, denn der Turm kommt aus dem 3D-Drucker.

 

Der Rote Turm des Julierpasses: Anfang und Ende einer Erfolgsgeschichte

Das ambitionierte Projekt ist der Leidenschaft Giovanni Netzers entsprungen und wäre ohne die vielen Förderer, die an seine Idee und die Relevanz der Region glaubten, wohl nie realisiert worden. Der Intendant des Origen Theaters suchte nach dem optimalen Ort für seine Inszenierungen und konzipierte ihn mithilfe von Walter Bieler, Ingenieur, einfach selbst. Die Passhöhe als Kulminationspunkt einer Reise wurde während sechs Jahren zum Schauplatz kultureller Anlässe.

Photocredits: Nova Fundaziun Origen | Benjamin Hofer

Das Theater in den Bergen
Die Last des über vierhundert Tonnen schweren Theaters lag auf seinen zehn Türmen. Sie bestanden, wie der Rest des Bauwerks, aus Holz. In der Mitte schwebte eine runde Bühne – festgehalten durch dicke Stahlketten. Vorab wurden rund 1’220 Teile angefertigt, die später mithilfe von LKWs von Savognin zu ihrem Aufbauort am Julierpass transportiert wurden. In seiner einfachen Form vereinigt der Julierturm eine Vielzahl von Theatertypologien. 2018 gab es dafür den Award für «Marketing+Architektur». Die wahre Anerkennung bekam das Gebäude aber während seiner Standzeit, indem es zahlreiche Künstler und ihre Bewunderer hoch auf den Julierpass lockte.

Der Vorhang fällt
Ende August 2023 endete die letzte Spielzeit im Roten Turm. Die hölzerne Schale sowie das Innenleben fanden jedoch Wiederverwendung. Der Rückbau des Julierturms hinterliess eine Lücke – nicht nur in der Landschaft, sondern auch kulturell.

Origen träumt von einem neuen Turm, der 55 Meter hoch ist und diesmal eine unbegrenzte Standzeit hat. Über die Projektidee «Ospizio» wird derzeit diskutiert. Aber sicher bekommt die Region ein neues Monument: den Weissen Turm von Mulegns.

Der Weisse Turm von Mulegns: Ein zukunftsweisendes Bauprojekt (Tor Alva)

Mit seinem hölzernen Gerüst war der Julierturm bautechnisch ein traditioneller Turm. In Mulegns geht man dagegen gänzlich neue Wege. Dabei arbeitet Origen mit der Abteilung für digitale Bautechnologie an der ETH Zürich zusammen. Planung und Koordination des Baus übernimmt die INVIAS AG; vor Ort kümmert sich die Zindel + Co. AG um den Aufbau der Elemente.

Der Aufbau ist diesmal genauso wichtig wie der fertige Turm. Denn mit dem 3D-Druck erforschen Origen, die ETH Zürich und die Zindel United neue Wege des Bauens und setzen so zukunftsweisende Impulse, die das Bauwesen in eine moderne und auch nachhaltigere Richtung lenken. Darüber hinaus haucht der Turm dem 14-Seelen-Dorf neues Leben ein und dient gleichzeitig als ein in Beton gedrucktes Denkmal an die Geschichte des Ortes. Sein aus vielen organisch wirkenden Säulen bestehendes Äusseres sieht futuristisch aus und ist zudem als Anspielung auf die Werke der Zuckerbäcker zu verstehen, die so wichtig für den Ort und die Region waren.

Ein Turm aus dem Drucker
Auf Basis eines detaillierten 3D-Modells spritzen Maschinen automatisch Beton durch schmale Düsen und kreieren so Schicht für Schicht die einzelnen Teile des Weissen Turms. Die spezielle Konsistenz des Betons ermöglicht das Auftragen durch die Düsen, ohne zu trocknen, bevor sich die Schichten miteinander verbinden. Jedoch härtet der Beton schnell genug aus, um spätere Schichten tragen zu können. Dank dieser Methode ist keine Schalung mehr für den Bau erforderlich. Es kommt also weniger Material zum Einsatz, und der Aufwand für den Transport ist ebenfalls geringer.

Die Konstruktion ermöglicht zudem einen schnellen Rückbau und die Wiederverwendung der einzelnen Teile. Das Projekt zeigt das Potenzial des digitalen Bauwesens und demonstriert, wie in Zukunft effizienter, schneller und nachhaltiger gebaut werden kann.

Zahlen & Fakten zu den Türmen

 

Roter Turm Julierpass (Juliertheater)

Kosten: ca. 3.5 Millionen Schweizer Franken

Material: 12 cm starkes Brettsperrholz aus Fichte

Bauzeit: 2½ Monate

Bauleitung: Uffer AG Savognin

Bauleitung Rückbau: INVIAS AG

Höhe: 29 Meter

 

Weisser Turm Mulegns:

Entwurf: Benjamin Dillenburger und Michael Hansmeyer

Höhe: 29 Meter

Aufbau: mehr als 4’000 Betonschichten

Kosten: ca. 3 Millionen Schweizer Franken

Planung: INVIAS AG, ETH, Origen

Ausführung: Zindel + Co. AG